Der blinde Fleck in der Führungskräfteentwicklung: Wer wird gesehen, wer wird empfohlen?

In vielen Unternehmen wird viel über Talent gesprochen. Über Potenzial. Über Nachfolgeplanung. Über die Frage, wer künftig mehr Verantwortung übernehmen kann.

Auf dem Papier klingt das meist sauber: Entwicklungsprogramme, Talent Reviews, Potenzialanalysen, Gespräche zwischen Führung und HR. In der Praxis entscheidet aber oft noch etwas anderes mit: Wer fällt auf? Wer wird empfohlen? Wer wirkt „bereit“? Und wer wird bei der nächsten Gelegenheit einfach nicht mitgedacht?

Genau hier entsteht ein blinder Fleck in der Führungskräfteentwicklung.

Denn Karriereentscheidungen fallen selten nur in offiziellen Runden. Sie werden vorbereitet in Meetings, Projektgesprächen, informellen Einschätzungen und kurzen Sätzen wie: „Der wäre doch jemand für das Programm.“ Oder eben: „An sie habe ich gar nicht gedacht.“

Der Harvard-Business-Review-Artikel „Research: How Women Can Build High-Status Networks“ beschreibt, dass Frauen beim Aufbau einflussreicher Netzwerke andere Hürden erleben als Männer. Besonders interessant: Direkter Kontakt zu hochrangigen Führungskräften wirkt offenbar nicht für alle gleich. Laut Artikel waren Frauen, die face-to-face mit Senior Leaders interagierten, im Vergleich zu Männern deutlich seltener in der Lage, daraus eine Verbindung zu dieser Führungskraft aufzubauen.

Das ist ein wichtiger Hinweis für Unternehmen. Denn viele Förderlogiken setzen noch immer stark auf Sichtbarkeit, souveränes Auftreten und informelle Wahrnehmung.

Warum „sichtbar sein“ nicht für alle dasselbe bedeutet

In Führungskräfteentwicklung steckt häufig eine unausgesprochene Annahme: Wer geeignet ist, wird schon auffallen.

Das klingt bequem. Ist aber riskant.

Denn Auffallen ist kein objektiver Vorgang. Es hängt davon ab, welche Verhaltensweisen in einer Organisation als stark, führungsfähig oder durchsetzungsstark gelesen werden. Wer laut argumentiert, selbstbewusst auftritt und im richtigen Moment den eigenen Beitrag sichtbar macht, wird oft schneller mit Potenzial verbunden.

Das heißt nicht, dass diese Personen nicht geeignet sind. Aber es heißt: Die Lauteren werden leichter wahrgenommen. Nicht unbedingt die, die am besten geeignet sind.

Gerade bei der Auswahl für Leadership-Programme, Nachfolgeplanung oder fachliche Leitungsrollen zeigt sich das deutlich. Wenn in solchen Programmen überwiegend Männer auftauchen, liegt das nicht immer daran, dass es keine geeigneten Frauen gibt. Häufig wurden sie schlicht nicht aktiv mitgedacht.

Vielleicht, weil sie ihre Ambitionen anders kommunizieren. Vielleicht, weil ihre Leistung als verlässlich gilt, aber nicht als „Führungspotenzial“ gelesen wird. Vielleicht, weil sie in Gesprächen weniger selbstverständlich vorgeschlagen werden.

Und manchmal reicht genau das schon.

Potenzial ist keine Lautstärke

Führungskräfte und Geschäftsleitungen sollten sich deshalb eine unbequeme Frage stellen: Nach welchen Kriterien erkennen wir eigentlich Potenzial?

Ist es die fachliche Stärke? Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen? Kommunikationsfähigkeit? Konfliktfähigkeit? Strategisches Denken? Verlässlichkeit in komplexen Situationen?

Oder ist es am Ende doch oft der Eindruck, den jemand in wenigen sichtbaren Momenten hinterlässt?

Der HBR-Artikel beschreibt ein Muster, das auch aus Unternehmensrealitäten bekannt ist: In direkten Begegnungen mit Senior Leaders können Selbstsicherheit und assertives Auftreten stark beeinflussen, wer als kompetent und vielversprechend wahrgenommen wird. Frauen können dabei in eine doppelte Schwierigkeit geraten. Treten sie zurückhaltender auf, werden sie leichter übersehen. Treten sie besonders offensiv auf, kann dasselbe Verhalten anders bewertet werden als bei Männern.

Für HR und Führung ist das kein Randthema. Es betrifft die Qualität von Karriereentscheidungen.

Wenn Potenzial zu stark über spontane Eindrücke entsteht, werden Entscheidungen anfällig für Verzerrungen. Dann geht es nicht mehr nur um Eignung, sondern um Deutung: Wer passt in unser Bild von Führung? Wer erinnert uns an erfolgreiche Führungskräfte, die wir schon kennen? Wer wirkt so, wie wir Führung gewohnt sind?

So entstehen Karrieren. Und so bleiben Chancen ungenutzt.

Nachfolgeplanung braucht mehr als Bauchgefühl

Besonders kritisch wird dieser blinde Fleck bei Nachfolgeplanung und Entwicklungsprogrammen.

Denn dort werden Weichen gestellt. Wer in ein Leadership-Programm aufgenommen wird, bekommt Zugang zu Sichtbarkeit, Netzwerken, Projekten und oft auch zu späteren Rollen. Wer nicht auftaucht, muss sich seine Chancen mühsamer erarbeiten.

Deshalb reicht es nicht, wenn Führungskräfte im Talentgespräch sagen: „Mir fällt gerade niemand ein.“

Das ist keine neutrale Aussage. Es ist ein Hinweis auf ein Wahrnehmungsproblem.

Gute Nachfolgeplanung braucht strukturierte Fragen:

  • Welche Frauen kommen für fachliche Leitungsrollen infrage, wurden aber bisher nicht aktiv angesprochen?

  • Wer übernimmt bereits Verantwortung, ohne offiziell als Führungstalent geführt zu werden?

  • Wer wird in Projekten stark genutzt, aber selten strategisch gefördert?

  • Welche Kriterien legen wir an Potenzial an, und sind sie für alle gleich nachvollziehbar?

  • Wer wird regelmäßig empfohlen, und wer nicht?

Solche Fragen machen Prozesse nicht bürokratischer. Sie machen sie fairer. Und oft auch besser.

HR darf Karriere nicht dem Zufall informeller Wahrnehmung überlassen

HR kann hier eine wichtige Rolle übernehmen. Nicht als moralische Instanz, die Führungskräften Vorwürfe macht. Sondern als professionelle Prozessgestalterin.

Gerade HR-Leitungen und People-&-Culture-Verantwortliche haben die Aufgabe, Talententscheidungen anschlussfähig, transparent und belastbar zu machen. Das bedeutet: weniger Bauchgefühl, mehr Kriterien. Weniger „der wirkt schon so weit“, mehr konkrete Beobachtung. Weniger informelle Vorschlagsrunden, mehr bewusste Prüfung.

Das kann im Alltag sehr praktisch aussehen:

Vor Talent Reviews werden klare Kriterien definiert. Führungskräfte müssen ihre Einschätzungen mit konkreten Beispielen begründen. HR prüft, ob bestimmte Gruppen systematisch seltener vorgeschlagen werden.

Nachfolgeplanung betrachtet nicht nur die lautesten Kandidat:innen, sondern auch diejenigen, die bereits Verantwortung tragen, ohne stark sichtbar zu sein.

Entwicklungsprogramme werden nicht nur mit den üblichen Namen gefüllt.

Das klingt weniger glamourös als große Leadership-Offsites. Es wirkt aber oft stärker.

Fairere Prozesse sind kein Frauenthema

Es wäre zu kurz gedacht, dieses Thema nur unter „Frauenförderung“ abzulegen.

Objektivere und bewusstere Potenzialentscheidungen verbessern die Führungsqualität insgesamt. Sie helfen Unternehmen, Menschen nicht zu übersehen, nur weil sie nicht dem gewohnten Bild von Führung entsprechen.

Davon profitieren Frauen. Aber auch introvertierte Talente, fachlich starke Personen ohne Selbstmarketing-Neigung und Mitarbeitende, die nicht zufällig im richtigen informellen Netzwerk auftauchen.

Für Geschäftsleitungen ist das vor allem eine Frage der unternehmerischen Vernunft. Wer Talente übersieht, verschenkt Potenzial. Wer Förderentscheidungen zu stark von Lautstärke, Nähe oder spontaner Sympathie abhängig macht, baut keine belastbare Führungspipeline.

Der erste Schritt: genauer hinsehen

Karriereentscheidungen fallen oft aus einem Gefühl heraus, aus einem Eindruck, einer kurzen Beobachtung. Das ist menschlich. Aber je weitreichender eine Entscheidung ist, desto weniger sollte sie allein darauf beruhen.

Führungskräfte und Geschäftsleitungen müssen genauer hinsehen. HR sollte die Prozesse so gestalten, dass Einschätzungen nachvollziehbarer und fairer werden.

Denn Führungspotenzial zeigt sich nicht immer laut. Manchmal zeigt es sich in Klarheit, Verlässlichkeit, Konfliktfähigkeit, klugen Fragen und der Fähigkeit, andere mitzunehmen.

Man muss nur bereit sein, es zu sehen.


Wenn Sie Ihre Talent- und Nachfolgeprozesse überprüfen möchten, lohnt sich ein gemeinsamer Blick auf Kriterien, Entscheidungswege und unausgesprochene Wahrnehmungsmuster. In Workshops zur Führungskräfteentwicklung kann genau dort angesetzt werden: bei der Frage, wie Unternehmen Potenzial fairer erkennen und Entwicklung wirksamer gestalten.

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