Präsentismus: Warum krank arbeiten kein Zeichen von Engagement ist

Viele Unternehmen schauen genau auf Fehlzeiten. Wer fehlt wie oft? In welchem Bereich steigen Krankmeldungen? Welche Muster gibt es?

Das ist verständlich. Fehlzeiten sind sichtbar, messbar und organisatorisch relevant. Aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte.

Der andere Teil heißt Präsentismus: Menschen arbeiten, obwohl sie krank sind und sich eigentlich erholen sollten. In manchen Unternehmen gilt das noch immer als Zeichen von Einsatz. Nach dem Motto: „Wer den Kopf nicht unter dem Arm hat, kann auch arbeiten.“ Doch diese Haltung ist nicht robust. Sie ist riskant.

Die BMAS/IAB-Studie zeigt, dass Präsentismus ein eigenes Gesundheitsmaß ist. Krankheitstage allein bilden den Gesundheitszustand nicht vollständig ab, weil Beschäftigte trotz Krankheit weiterarbeiten können.

Warum Menschen krank arbeiten

Präsentismus entsteht oft dort, wo Mitarbeitende das Gefühl haben, sich Krankheit nicht leisten zu können. Das kann an hoher Arbeitslast liegen. An Personalmangel. An Kundenfristen. An Führungskräften, die selbst krank erscheinen und damit ein sehr klares Signal senden. Manchmal entsteht der Druck auch aus Verantwortungsgefühl: „Wenn ich ausfalle, bleibt alles an den Kolleginnen und Kollegen hängen.“

Kultur zeigt sich in solchen Momenten selten in offiziellen Leitbildern. Sie zeigt sich in Sätzen wie:

„Wir brauchen dich heute aber wirklich.“

„Stell dich nicht so an.“

„Ich komme ja auch, wenn ich krank bin.“

Oder in dem unausgesprochenen Blick, wenn jemand sich krankmeldet.

Wer solche Signale wiederholt erlebt, entscheidet irgendwann nicht mehr frei. Er oder sie funktioniert. Kurzfristig kann das praktisch wirken. Langfristig kostet es Erholung, Leistungsfähigkeit und Vertrauen.

Präsentismus ist kein individuelles Heldentum

Die klare Haltung sollte sein: Präsentismus ist ein Führungs- und Kulturthema, kein individuelles Heldentum. Natürlich gibt es Menschen mit sehr hohem Verantwortungsgefühl. Natürlich gibt es Situationen, in denen Mitarbeitende trotz Krankheit „nur noch kurz“ etwas erledigen wollen. Aber Unternehmen dürfen daraus keine Erwartung machen. Die Studie zeigt, dass Kollegialität mit weniger Präsentismus zusammenhängt. In einem kollegialen Umfeld scheinen erkrankte Beschäftigte weniger Druck zu spüren, krank im Büro zu erscheinen. Ebenso können Vorgesetzte, die als fair wahrgenommen werden und Verständnis sowie Vertrauen zeigen, Präsentismus reduzieren. Das ist ein wichtiger Befund für HR und Führungskräfte. Es geht nicht nur darum, Krankheit zu verwalten. Es geht darum, welche Botschaften im Unternehmen gesendet werden.

Die Rolle der Führungskraft

Führungskräfte prägen, was als normal gilt. Wenn eine Führungskraft krank in Meetings sitzt, sichtbar angeschlagen arbeitet und nebenbei sagt „Geht schon“, ist das kein neutraler Vorgang. Es ist ein Modell. Mitarbeitende lernen: Kranksein ist nur dann legitim, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Noch stärker wirkt es, wenn Führungskräfte kranke Mitarbeitende indirekt im Arbeitsmodus halten. Eine kurze Nachfrage ist menschlich. Aber Arbeitsaufträge, Abstimmungen oder „nur eine kleine Rückfrage“ können den Erholungsprozess stören. Führung bedeutet hier auch: Grenzen setzen. Kranke Mitarbeitende nach Hause schicken. Genesung wertschätzen. Nicht nur sagen „Gute Besserung“, sondern auch so handeln, dass Besserung möglich wird.

Was HR verändern kann

HR kann Präsentismus sichtbar machen, ohne eine Misstrauenskultur zu erzeugen. Dazu gehört, Führungskräfte für typische Muster zu sensibilisieren:

Wer arbeitet regelmäßig angeschlagen weiter?

Wo wird Krankheit kommentiert oder subtil bewertet?

Welche Teams haben eine Kultur permanenter Unersetzlichkeit?

Welche Führungskräfte leben Dauerverfügbarkeit vor?

Wie wird mit Krankmeldungen gesprochen?

Wichtig ist auch, nicht nur an die individuelle Verantwortung zu appellieren. Ein Plakat mit „Achten Sie auf Ihre Gesundheit“ hilft wenig, wenn Beschäftigte gleichzeitig erleben, dass Abwesenheit als Schwäche gilt. Wirksamer sind klare Führungsgrundsätze, Gesprächsleitfäden, Teamabsprachen und eine Kultur, in der Vertretung nicht als Ausnahme, sondern als Bestandteil professioneller Organisation verstanden wird.

Fazit

Krank zu arbeiten ist selten ein Zeichen guter Unternehmenskultur. Häufig ist es ein Hinweis darauf, dass Menschen sich nicht trauen, auszufallen, oder dass sie glauben, ihr Ausfall sei nicht tragbar. Das mag kurzfristig engagiert aussehen. Langfristig ist es teuer.

Unternehmen, die Präsentismus reduzieren wollen, müssen nicht zuerst an der Moral ihrer Mitarbeitenden arbeiten. Sie sollten auf Führung, Arbeitslast, Kommunikation und Kultur schauen.

Ein guter erster Satz wäre: „Wer krank ist, soll sich erholen. Und wir organisieren Arbeit so, dass das möglich ist.“

Wenn Sie Unterstützung beim Thema Führung wünschen, bin ich Ihnen gerne behilflich.

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