Iris Wagner Iris Wagner

Positive Emotionen regulieren? Warum das weniger selbstverständlich ist, als es klingt

Freude ist im Arbeitsleben nicht immer willkommen

Ein sehr alltägliches Beispiel: Eine Kollegin heiratet.

Sie freut sich, erzählt davon, ist vielleicht einige Wochen voller Vorfreude.

Privat wäre das völlig selbstverständlich.

Im Arbeitskontext entsteht dagegen manchmal das Gefühl: Jetzt reicht es aber auch.

Warum eigentlich?

Bei Emotionsregulation denken die meisten Menschen zuerst an unangenehme Gefühle.

 

Ärger kontrollieren. Mit Angst umgehen. Stress abbauen. Frust nicht am Team auslassen.

 

Positive Emotionen erscheinen dagegen unkompliziert.

 

Freude ist doch gut. Begeisterung auch. Stolz sowieso.

 

Warum sollte man positive Gefühle überhaupt regulieren?

 

Genau diese Frage macht die Studie von Tsujimoto und Kolleg:innen interessant. Sie untersucht positive und negative Emotionsregulation getrennt und zeigt, dass beide mit Gesundheit und emotionalem Erleben zusammenhängen, allerdings unterschiedlich.

 

Auch mit positiven Gefühlen muss man umgehen können

 

Die Studie versteht positive Emotionsregulation nicht einfach als „mehr gute Gefühle erzeugen“.

 

Untersucht wurde unter anderem, wie Menschen positive Emotionen erleben, zulassen, steuern und in ihrem Verhalten damit umgehen.

 

Das ist im Arbeitsleben relevanter, als es zunächst klingt.

 

Wer hat gelernt, offen stolz auf einen Erfolg zu sein?

 

Wer kann Begeisterung zeigen, ohne sich sofort zu fragen, ob das übertrieben wirkt?

 

Wer kann einen positiven Moment tatsächlich genießen?

 

Und wer bremst sich bereits innerlich, bevor überhaupt jemand reagieren konnte?

 

Freude ist im Arbeitsleben nicht immer willkommen

 

Ein sehr alltägliches Beispiel: Eine Kollegin heiratet. Sie freut sich, erzählt davon, ist vielleicht einige Wochen voller Vorfreude. Privat wäre das völlig selbstverständlich. Im Arbeitskontext entsteht dagegen manchmal das Gefühl: Jetzt reicht es aber auch. Warum eigentlich?

 

Vielleicht aus Angst vor Neid. Vielleicht, weil persönliche Gefühle als unprofessionell gelten. Vielleicht, weil Menschen gelernt haben, sich am Arbeitsplatz möglichst wenig angreifbar zu machen.  

Dasselbe gilt für Stolz.

 

Ich halte es für völlig normal, stolz auf eine gute Leistung zu sein.

 

Schwierig wird es erst, wenn daraus dauerhafte Selbstdarstellung oder Angeberei wird.

 

Gleichzeitig erlebe ich auch hier unterschiedliche Bewertungen. Wenn Frauen sehr selbstbewusst über eigene Erfolge sprechen, wird das aus meiner Wahrnehmung teilweise kritischer kommentiert als vergleichbares Verhalten bei Männern.

 

Auch das ist eine persönliche Beobachtung, kein Befund der Studie.

 

Menschen hören nicht auf zu fühlen, wenn sie ins Büro kommen

 

Eine Haltung begegnet mir im Berufsleben immer wieder:

 

„Wir sind hier zum Arbeiten.“

 

Meist bedeutet der Satz eigentlich: Private Gefühle gehören nicht hierher.

 

Ich halte wenig davon. Menschen lassen einen Teil ihrer Persönlichkeit morgens nicht an der Eingangstür liegen. Ich habe das selbst sehr deutlich erlebt.

 

Nach dem Tod meines Vaters bin ich arbeiten gegangen. Für mich war das in diesem Moment der richtige Umgang mit meiner Situation. Kollegen kritisierten mich dafür, dass ich mich nicht eine Woche krankschreiben ließ. Gleichzeitig war meine Traurigkeit für meine Umgebung spürbar und offenbar schwer auszuhalten. Diese Erfahrung ist mir geblieben. Denn sie zeigt, wie widersprüchlich Unternehmen mit Emotionen umgehen können.

 

Gefühle sollen möglichst nicht stören. Aber wenn jemand anders mit ihnen umgeht, als es die Umgebung erwartet, wirkt auch das irritierend.

 

Positive Emotionen können ebenfalls unterdrückt werden

 

Bei negativen Gefühlen kennen wir das Konzept des Unterdrückens gut. Bei positiven weniger. Dabei passiert es ständig.

 

Ein Mensch freut sich über eine Beförderung, möchte aber nicht arrogant wirken.

 

Eine Mitarbeiterin ist stolz auf ein gelungenes Projekt, sagt aber lieber wenig dazu.

 

Ein Team hat etwas geschafft und geht direkt zum nächsten Problem über.

 

Das Gefühl ist trotzdem da.

 

Wer versucht, es kleinzuhalten, beschäftigt sich gleichzeitig mit der Frage, wie viel davon sichtbar sein darf.

 

Aus meiner Sicht geht dabei noch etwas verloren: positive Resonanz.

 

Freude kann ansteckend sein.

 

Stolz auf gemeinsam Erreichtes kann Verbindung schaffen.

 

Erleichterung nach einer schwierigen Phase kann einem Team zeigen: Wir haben etwas bewältigt.

 

Nicht jede positive Emotion muss gefeiert werden. Aber wenn Unternehmen sie systematisch kleinhalten, verschenken sie etwas.

 

Die Studie zeigt einen besonders interessanten Zusammenhang

 

In den Ergebnissen zeigte sich, dass positive Emotionsregulation besonders dort mit einigen gesundheitlichen Belastungsmaßen zusammenhing, wo die Fähigkeit zur Regulation negativer Emotionen geringer ausgeprägt war.

 

Bei Stress, depressiven Symptomen und körperlicher Symptomlast zeigte sich dieser Zusammenhang in den Analysen insbesondere bei niedrigerer negativer Emotionsregulationsfähigkeit. Bei Angst und negativem Affekt bestanden Zusammenhänge auch bei höherer negativer Emotionsregulationsfähigkeit, waren aber bei niedrigerer stärker.

 

Das beweist nicht, dass positive Emotionen Menschen gegen Belastung schützen. Die Studie ist querschnittlich und erlaubt keine Kausalaussagen. Sie legt aber einen interessanten Gedanken nahe: Vielleicht lohnt es sich, bei Emotionsregulation nicht ausschließlich darauf zu schauen, wie Menschen Schwieriges bewältigen.

 

Vielleicht gehört ebenso die Fähigkeit dazu, Positives wahrzunehmen, zuzulassen und angemessen auszudrücken.

 

Positivität kann auch falsch eingesetzt werden

 

Damit sind wir beim anderen Extrem. Positive Emotionen sind nicht automatisch hilfreich. „Das wird schon.“ „Wir müssen positiv bleiben.“ „Am Ende wird alles gut.“

 

Solche Sätze können beruhigen. Sie können aber auch dazu dienen, reale Probleme nicht anzusprechen. Besonders kritisch finde ich das in Veränderungsprozessen. Wenn ein Unternehmen vor massiven Einschnitten, einer Insolvenz oder Kündigungswellen steht, brauchen Mitarbeitende keine künstliche Zuversicht. Sie brauchen möglichst klare Informationen.

 

Natürlich darf eine Führungskraft Hoffnung ausdrücken. Aber Hoffnung und Beschönigung sind nicht dasselbe.

 

Wer Sicherheit verspricht, die er nicht geben kann, schafft möglicherweise kurzfristig Ruhe und langfristig Misstrauen.

 

Positive Kommunikation braucht deshalb ebenso Regulation wie negative.

 

Gute Führung braucht keine Dauerbegeisterung

 

Für Führungskräfte bedeutet das: Sie müssen nicht permanent motiviert wirken. Sie müssen auch keine künstliche Positivität erzeugen. Sie sollten aber verstehen, wie sie selbst mit positiven Emotionen umgehen.

 

Können sie Erfolge anerkennen? Können sie Freude zulassen? Können sie anderen Raum geben, stolz zu sein? Und können sie gleichzeitig aufhören, Positivität einzusetzen, wenn Klarheit wichtiger wäre?

 

Emotionale Kompetenz bedeutet nicht, immer gut gelaunt zu sein. Manchmal bedeutet sie schlicht, ein gutes Gefühl nicht sofort kleinzumachen. Und manchmal bedeutet sie, einen schwierigen Satz auszusprechen, obwohl ein positiverer angenehmer wäre.

Weiterlesen