Gute Führung macht Menschen nicht abhängig. Sie macht ihren Beitrag sichtbar

„Ohne Sie geht hier nichts“ ist kein Kompliment

Der Satz klingt zunächst anerkennend: „Ohne Sie läuft dieser Laden nicht.“ Er kann stolz machen. Er kann einem Mitarbeitenden das Gefühl geben, besonders wichtig zu sein. Und er kann ein erhebliches Führungs- und Organisationsversagen verbergen. Wenn Prozesse, Ergebnisse oder Kundenbeziehungen dauerhaft von einer einzigen Person abhängen, ist das keine Auszeichnung für gute Organisation. Es ist ein Risiko.

Der Satz „Ohne Sie geht hier nichts“ verlagert die Verantwortung für funktionierende Strukturen auf einen einzelnen Menschen. Diese Verantwortung gehört jedoch nicht auf die Schultern eines Mitarbeitenden. Sie gehört zur Unternehmensleitung.

Echte Anerkennung beschreibt Leistung, nicht Unverzichtbarkeit

Echte Anerkennung sieht die konkrete Leistung eines Menschen. Sie kann zum Beispiel lauten: „Sie haben den Kunden in einer schwierigen Situation sehr gut begleitet.“ „Ihre Fachkenntnis hat uns geholfen, den Fehler schnell zu finden.“ „Durch Ihre Vorbereitung konnte das Team die Aufgabe übernehmen.“ „Sie haben eine hohe Qualität geschaffen und Ihr Wissen gut weitergegeben.“ Solche Rückmeldungen benennen den Wert einer Leistung.

Die Botschaft „Ohne Sie geht nichts“ tut etwas anderes. Sie verbindet Anerkennung mit Abhängigkeit. Der Mitarbeitende wird nicht nur als kompetent, sondern als unersetzlich beschrieben. Das kann schmeicheln. Es kann aber auch eine stille Verpflichtung erzeugen: Ich darf nicht ausfallen. Ich kann nicht in Ruhe Urlaub machen. Ich muss erreichbar bleiben. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich muss einspringen, weil sonst alles zusammenbricht.Aus Wertschätzung wird Druck.

Wenn Bedeutung über die Leistungsgrenze führt

Das Gefühl, gebraucht zu werden, kann motivierend sein. Menschen engagieren sich gern, wenn sie sehen, dass ihr Beitrag wichtig ist. Problematisch wird es, wenn dieses Gefühl dazu benutzt wird, Leistungsgrenzen zu verschieben. Ein Mitarbeitender übernimmt immer wieder zusätzliche Aufgaben, weil „nur er das kann“. Eine Führungskraft beantwortet auch im Urlaub Nachrichten, weil „sonst niemand entscheiden kann“. Eine Expertin verzichtet auf Pausen, weil der Prozess an ihr hängt. Ein Projektleiter bleibt trotz Erschöpfung erreichbar, weil das Team ohne ihn angeblich nicht weiterkommt. Solche Situationen können aus eigener Motivation entstehen. Engagierte Menschen möchten helfen und Verantwortung übernehmen. Sie können aber auch durch die Organisation verstärkt werden. Dann wird Unverzichtbarkeit zur Führungsmethode.

Mattering braucht Wertschätzung und die Möglichkeit, beizutragen

In der psychologischen Forschung wird „Mattering“ unter anderem als Zusammenspiel zweier Erfahrungen beschrieben: sich wertgeschätzt fühlen und selbst Wert schaffen können.

Eine Meta-Analyse mit 39 Stichproben und 18.406 Teilnehmenden fand einen mittleren positiven Zusammenhang zwischen Mattering und Wohlbefinden. Besonders stark war der Zusammenhang bei einem Wohlbefinden, das Sinn, Selbstentfaltung, positive Beziehungen und Zweck umfasst. Die Studien zeigen überwiegend Zusammenhänge und können keine eindeutige Kausalität belegen.

Für Führung ist die Unterscheidung zwischen Bedeutung und Unverzichtbarkeit zentral. Bedeutung heißt: Mein Beitrag wird gesehen. Meine Leistung hat einen Wert. Ich kann etwas bewirken.

Unverzichtbarkeit heißt: Ohne mich funktioniert das System nicht. Das erste kann stärken. Das zweite kann Menschen überfordern.

Unverzichtbarkeit ist oft ein Strukturproblem

Wenn eine Organisation von einzelnen Personen abhängt, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Ursachen. Fehlen Vertretungsregelungen? Ist Wissen nur im Kopf eines Mitarbeitenden gespeichert? Sind Entscheidungen zu stark zentralisiert? Wurden Prozesse nie dokumentiert? Gibt es zu wenig Personal? Werden Aufgaben immer wieder bei den zuverlässigsten Personen abgeladen? Hat die Unternehmensleitung versäumt, Verantwortung sinnvoll zu verteilen?

In solchen Fällen darf die Lösung nicht lauten, den unverzichtbaren Menschen noch stärker zu loben. Die Organisation muss belastbarer werden. Wissen muss geteilt werden. Vertretungen müssen handlungsfähig sein. Verantwortung muss auf mehrere Schultern verteilt werden. Prozesse müssen so gestaltet sein, dass Krankheit und Urlaub nicht zum Ausnahmezustand führen.

Dauerhafte Verantwortung verhindert Erholung

Wenn die Verantwortung faktisch auf einer einzelnen Person liegt, hat das Auswirkungen weit über die Arbeitszeit hinaus. Erholung wird schwieriger. Pausen wirken wie Zeitverlust. Krankheit löst Schuldgefühle aus. Soziale Interaktion im Team wird als verzichtbar betrachtet, weil „Wichtigeres“ zu tun ist. Zeit zum Nachdenken fehlt. Genau diese Phasen wären jedoch notwendig, um gute Entscheidungen zu treffen, Zusammenhänge zu erkennen und die eigene Belastung zu regulieren.

Menschen können über lange Zeit erstaunlich viel auffangen. Doch dauerhafte Überlastung kann in Erschöpfung münden. Ich habe mehrfach erlebt, wie engagierte Mitarbeitende und Führungskräfte zunächst immer mehr übernahmen, dann sichtbar erschöpften und schließlich ausfielen. Einige Führungskräfte haben sich davon nicht mehr vollständig erholt.

Es wäre unseriös, daraus eine einfache Ursache-Wirkungs-Kette abzuleiten. Burnout entsteht nicht allein durch einen Satz oder einen einzelnen organisatorischen Faktor. Deutlich wird jedoch: Eine Struktur, die dauerhaft auf der Überlastung einzelner Menschen beruht, ist weder gesund noch professionell.

Gute Führung erlaubt Abwesenheit

Wertschätzung zeigt sich auch darin, dass Menschen nicht ständig verfügbar sein müssen. Ein geschätzter Mitarbeitender darf Urlaub machen, ohne erreichbar zu sein. Eine kompetente Führungskraft darf krank sein, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Ein engagierter Kollege muss nicht regelmäßig Überstunden leisten, um seinen Wert zu beweisen.

Gute Führung vermittelt: Ihre Leistung ist wichtig. Sie werden als Person geschätzt. Und die Organisation trägt die Verantwortung dafür, auch während Ihrer Abwesenheit arbeitsfähig zu bleiben. Das ist keine Geringschätzung individueller Leistung. Im Gegenteil. Es schützt Menschen davor, dass ihre Kompetenz gegen sie verwendet wird.

Was Führungskräfte konkret anders machen können

Statt „Ohne Sie geht hier gar nichts“ könnten Führungskräfte sagen: „Ihre Erfahrung ist für uns sehr wertvoll. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Sie nicht alles allein tragen müssen.“ „Ihre Arbeit macht einen Unterschied. Bitte dokumentieren und teilen Sie Ihr Wissen, damit Sie auch wirklich abschalten können.“ „Wir schätzen Ihren Einsatz. Regelmäßige Überstunden dürfen aber nicht zur Voraussetzung für funktionierende Abläufe werden.“ „Sie sollen Verantwortung übernehmen können, ohne dauerhaft verfügbar sein zu müssen.“ Damit wird Leistung anerkannt, ohne Abhängigkeit zu romantisieren.

Wertschätzung darf kein Köder für Selbstausbeutung sein

Menschen möchten gebraucht werden. Sie möchten aber nicht die Funktionsfähigkeit einer ganzen Organisation absichern müssen. Unternehmen sollten deshalb genau hinsehen, wenn einzelne Personen als „unersetzlich“ gelten. Dahinter steckt nicht immer außergewöhnlich gute Führung. Manchmal steckt dahinter fehlende Vorsorge. Wahre Anerkennung macht einen Menschen nicht zum Engpass. Sie würdigt seine Leistung und sorgt gleichzeitig dafür, dass er Pausen machen, krank sein und Urlaub nehmen darf, ohne dass das System zusammenbricht.

In Führungskräfteworkshops lässt sich sehr konkret daran arbeiten, wie Anerkennung ausgesprochen, Verantwortung gesund verteilt und Überlastung früh erkannt werden kann. Gute Führung schätzt Leistung, ohne Unverzichtbarkeit zu erzeugen.

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Mitarbeitende wollen nicht nur Wertschätzung. Sie wollen merken, dass ihr Beitrag zählt