Unter Druck den Fokus behalten: Was Aufmerksamkeit mit Emotionsregulation zu tun hat
Gerade Konflikte zeigen, wie begrenzt rein sachliche Kommunikation sein kann.
Ein Team kann zehnmal hören: „Wir müssen jetzt wieder sachlich werden.“ Wenn eine alte Kränkung darunterliegt, funktioniert das häufig nicht. Die Emotion muss erst wahrgenommen werden.
Gleichzeitig sollte sie nicht zum einzigen Thema werden. Diese Balance ist anspruchsvoll.
Wer Emotionen ignoriert, riskiert, dass sie den Konflikt weiter antreiben…
Ein Konflikt kann groß sein. Und plötzlich dreht sich alles um einen einzigen Satz. „Das hast du gerade wirklich gesagt?“ Ab diesem Moment ist das eigentliche Problem fast verschwunden. Der Fokus liegt auf einer Formulierung, einem Tonfall oder einer Kränkung. Alles andere rückt in den Hintergrund.
In Mediationen erlebe ich das häufig. Emotionen verändern nicht nur, wie wir uns fühlen. Sie beeinflussen auch, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.
Wenn die Emotion den Fokus übernimmt
Unter emotionalem Druck passieren aus meiner Erfahrung zwei scheinbar gegensätzliche Dinge. Manchmal geht der Fokus verloren. Gedanken springen zwischen Problemen, Personen und möglichen Konsequenzen. Manchmal passiert genau das Gegenteil: Die gesamte Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einen einzigen Punkt.
Wenn dort die stärkste Emotion sitzt, bekommt dieser Punkt plötzlich unverhältnismäßig viel Gewicht. Das kann ein Vorwurf sein. Eine Kränkung. Ein Satz aus einer Besprechung. Oder etwas, das Jahre zurückliegt. Gerade alte Verletzungen können erstaunlich präsent bleiben.
In Mediationen kommt es immer wieder vor, dass Menschen einen Vorfall schildern, der lange zurückliegt, emotional aber keineswegs erledigt ist. Ein aktueller Konflikt berührt diesen Punkt und plötzlich ist die alte Emotion wieder da.
Was die Forschung dazu zeigt
Die Studie von Tsujimoto und Kolleg/innen untersuchte neben Emotionsregulation auch drei Funktionen der Aufmerksamkeit: Alerting, Orienting und Executive Attention.
Von diesen drei Aufmerksamkeitsfunktionen hing in den Analysen nur das sogenannte Orienting signifikant mit der Fähigkeit zur Regulation negativer Emotionen zusammen. Für positive Emotionsregulation zeigte sich dieser Zusammenhang nicht.
Die Forschenden beschreiben Orienting vereinfacht als die Funktion, relevante Informationen aus sensorischem Input auszuwählen.
Wichtig ist auch hier: Die Studie ist querschnittlich. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Wir können daraus also nicht ableiten, dass besseres Aufmerksamkeitsmanagement automatisch zu besserer Emotionsregulation führt. Der Befund passt aber zu einer interessanten Praxisfrage: Worauf richtet ein Mensch seine Aufmerksamkeit, wenn Emotionen stark werden?
Emotionen zeigen etwas, aber nicht unbedingt das ganze Problem
Ein Beispiel: Zwei Führungskräfte befinden sich seit Monaten in einem Konflikt. In einem Gespräch sagt eine Person etwas, das die andere schlecht dastehen lässt. Die Betroffene ärgert sich massiv. Dieser Ärger ist nachvollziehbar. Aber jetzt beginnt ein Problem. Der gesamte Fokus wandert auf diesen Satz. Warum hast du das gesagt? Wie konntest du mich so darstellen? Was denken die anderen jetzt von mir?
Das eigentliche Konfliktthema ist viel größer. Vielleicht geht es um unklare Zuständigkeiten, Konkurrenz, fehlende Entscheidungen oder gegensätzliche Erwartungen. Davon ist in diesem Moment kaum noch etwas übrig.
Die Emotion zeigt etwas Relevantes. Aber sie zeigt nur einen Ausschnitt.
Eine einfache Frage kann den Fokus verändern
In solchen Situationen arbeite ich gern mit einer sehr einfachen Frage:
Worum geht es gerade?
Nicht: Wer hat recht? Nicht: Wer hat angefangen? Auch nicht: Wer muss sich entschuldigen? Sondern zunächst: Worum geht es gerade? Ist der verletzende Satz das Thema? Oder zeigt er nur etwas, das Teil eines größeren Konflikts ist?
Diese Unterscheidung kann enorm hilfreich sein. Sie nimmt die Emotion ernst, ohne ihr automatisch die gesamte Bühne zu geben. Das ist für mich ein Kernpunkt guter Emotionsregulation. Gefühle liefern Informationen. Sie entscheiden aber nicht automatisch darüber, was jetzt wichtig ist.
Führung bedeutet auch Aufmerksamkeitssteuerung
Für Führungskräfte hat das eine doppelte Bedeutung. Sie müssen ihre eigene Aufmerksamkeit steuern. Wenn mich eine Aussage trifft, sollte ich irgendwann erkennen können, dass mein Fokus gerade sehr eng geworden ist.
Gleichzeitig führen Führungskräfte auch Aufmerksamkeit im Team. Das bedeutet nicht, Menschen von unangenehmen Themen abzulenken. Es bedeutet, Orientierung herzustellen. Was ist das Problem? Was gehört dazu? Was gehört nicht dazu? Was können wir beeinflussen? Wo verlieren wir uns gerade?
Führung besteht deshalb nicht nur darin, Antworten zu geben. Sie besteht häufig darin, die Aufmerksamkeit wieder auf eine Ebene zu bringen, auf der Handeln möglich wird.
Alte Kränkungen verschwinden nicht durch Sachlichkeit. Gerade Konflikte zeigen, wie begrenzt rein sachliche Kommunikation sein kann. Ein Team kann zehnmal hören: „Wir müssen jetzt wieder sachlich werden.“ Wenn eine alte Kränkung darunterliegt, funktioniert das häufig nicht.
Die Emotion muss erst wahrgenommen werden. Gleichzeitig sollte sie nicht zum einzigen Thema werden. Diese Balance ist anspruchsvoll.
Wer Emotionen ignoriert, riskiert, dass sie den Konflikt weiter antreiben. Wer ausschließlich über Emotionen spricht, verliert möglicherweise das eigentliche Problem aus dem Blick. Deshalb ist die Frage nach dem Fokus so hilfreich. Sie verbindet beides. Was passiert emotional? Und was muss sachlich gelöst werden?
Was HR und Führungskräfteentwicklung daraus mitnehmen können
In Führungstrainings wird oft viel über Kommunikation gesprochen.
Fragetechniken.
Feedback.
Gesprächsführung.
All das ist sinnvoll. Aber Kommunikation beginnt bereits davor. Bei der Frage, worauf eine Führungskraft gerade ihre Aufmerksamkeit richtet.
Wenn sie im Konflikt ausschließlich den Angriff sieht, hört sie anders zu.
Wenn sie sich auf die eigene Kränkung konzentriert, bewertet sie Aussagen anders.
Wenn sie den Blick wieder erweitert, entstehen oft neue Handlungsmöglichkeiten.
Deshalb lohnt es sich, in Führungskräfteentwicklung nicht nur Kommunikationstechniken zu trainieren.
Sondern auch die Fähigkeit, sich im richtigen Moment zu fragen:
Was sehe ich gerade und was sehe ich vielleicht gerade nicht mehr?