Wenn im Change niemand mehr weiß, ob er noch gebraucht wird

Widerstand im Change: Was hinter pauschaler Ablehnung stecken kann

Eine neue Software wird eingeführt. Abläufe werden automatisiert. Verantwortlichkeiten verändern sich. Die Geschäftsleitung spricht von Effizienz, Zukunftsfähigkeit und neuen Möglichkeiten. Und manche Mitarbeitende hören vor allem eine Frage: Werde ich danach noch gebraucht? Diese Frage wird selten so offen ausgesprochen. Stattdessen zeigt sie sich in pauschaler Kritik, gereizten Diskussionen oder dem Versuch, Verbündete gegen die Veränderung zu finden. Führungskräfte und Projektverantwortliche bewerten dieses Verhalten schnell als mangelnde Veränderungsbereitschaft. Das kann zu kurz greifen. Widerstand enthält nicht immer ein klares Sachargument. Manchmal ist er der hörbare Teil einer Angst, die noch keinen präzisen Ausdruck gefunden hat.

Veränderung bedroht mehr als vertraute Abläufe

Bei einer Veränderung geht es für Mitarbeitende nicht nur um neue Prozesse. Es geht häufig auch um Kompetenz, Status und persönliche Bedeutung. Die Einführung einer neuen Software kann Fragen auslösen wie: Kann ich das lernen? Sind meine bisherigen Kenntnisse noch etwas wert? Wird meine Aufgabe einfacher oder überflüssig? Verliere ich meinen Einfluss? Braucht das Unternehmen meine Erfahrung künftig überhaupt noch?

Besonders ältere Mitarbeitende können das Gefühl entwickeln, mit der technischen Entwicklung nicht mehr Schritt halten zu können. Das ist keine zwangsläufige Reaktion und keine Frage des Alters allein. Es ist jedoch eine Sorge, die in Veränderungsprozessen auftreten kann und ernst genommen werden sollte. Menschen wollen wissen, wo sie sich in der künftigen Organisation wiederfinden. Bleibt diese Frage unbeantwortet, füllen Vermutungen die Lücke.

Mattering als unterschätzte Dimension im Change

Das Konzept des „Mattering“ beschreibt unter anderem das Gefühl, für andere bedeutsam zu sein und mit dem eigenen Handeln einen Wert zu schaffen.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 untersuchte den Zusammenhang zwischen Mattering und verschiedenen Formen des Wohlbefindens. Über 39 Stichproben hinweg zeigte sich ein mittlerer positiver Zusammenhang. Besonders stark war er bei einem Wohlbefinden, das mit Sinn, persönlicher Entwicklung, positiven Beziehungen und einem Gefühl von Zweck verbunden ist. Die überwiegend querschnittlichen Studien erlauben keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Sie machen jedoch deutlich, dass das Erleben von Bedeutung eng mit positivem Funktionieren verbunden ist.

Für Veränderungsprozesse ergibt sich daraus eine wichtige Frage: Erkennen Mitarbeitende, welchen Platz und welchen Beitrag sie im Zielbild haben?

Ein Change kann fachlich sinnvoll und wirtschaftlich notwendig sein. Wenn Menschen dabei den Eindruck gewinnen, ihre Erfahrung, ihre Rolle oder ihre Person verliere an Bedeutung, entsteht dennoch Unsicherheit.

Pauschaler Widerstand ist oft schwer zu bearbeiten

Sachliche Einwände lassen sich prüfen. Ist die Software ausreichend getestet? Sind Schnittstellen geklärt? Ist der Zeitplan realistisch? Sind Schulungen vorgesehen?

Der Umgang mit pauschaler Ablehnung ist hingegen schwieriger: „Das funktioniert sowieso nicht.“ „Das hat die Geschäftsleitung wieder am Schreibtisch entschieden.“ „Früher war das besser.“ „Die da oben haben keine Ahnung.“

Solche Aussagen sollte man nicht vorschnell als Beweis dafür verstehen, dass Mitarbeitende grundsätzlich gegen Veränderung sind. Auffällig wird es, wenn kaum konkrete Argumente genannt werden und gleichzeitig im Kollegenkreis Unterstützung für die ablehnende Haltung gesucht wird. Dann kann die sichtbare Kritik Ausdruck einer tieferliegenden Unsicherheit sein. Mögliche Ursachen sind Rollenunklarheit, befürchteter Statusverlust, mangelndes Vertrauen oder die Sorge, künftigen Anforderungen nicht gerecht zu werden. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik psychologisiert werden sollte. Es bedeutet, dass Führungskräfte genauer hinhören müssen.

Ein Zielbild muss die Menschen enthalten

In vielen Change-Projekten wird das Zielbild technisch oder organisatorisch beschrieben: Welche Software wird genutzt? Wie sieht der neue Prozess aus? Welche Strukturen gelten künftig? Was wird zentralisiert? Was wird eingespart? Für Mitarbeitende reicht das jedoch nicht. Ein tragfähiges Zielbild muss auch folgende Fragen beantworten: Was verändert sich für mich? Welche Aufgaben bleiben? Welche Kompetenzen werden künftig gebraucht? Was muss ich neu lernen? Welche Entscheidungsspielräume habe ich? Wo kann ich etwas mitgestalten? Was geschieht mit meinem bisherigen Erfahrungswissen?

Ein Zielbild wird erst dann orientierend, wenn Mitarbeitende sich darin wiederfinden können. Die Aussage „Wir werden digitaler“ ist kein Zielbild. Auch „Wir müssen effizienter werden“ schafft kaum Klarheit. Ein gutes Zielbild macht sichtbar, wie die künftige Zusammenarbeit aussieht und welchen Beitrag unterschiedliche Rollen dazu leisten.

Einbindung heißt mehr als Ideen abfragen

Ich habe in einem Unternehmen erlebt, wie stark sich Zusammenarbeit verändern kann, wenn die Geschäftsleitung Mitarbeitende ernsthaft einbindet. Die Beschäftigten durften Ideen einbringen. Sie erhielten Einblick in vertrauliche Kennzahlen und erfuhren, wo das Unternehmen wirtschaftlich stand. Gleichzeitig wurde das Zielbild nachvollziehbar beschrieben. Damit kannten sie nicht nur die geplante Veränderung. Sie verstanden auch deren Hintergrund. Das veränderte die Qualität der Gespräche. Aus Mutmaßungen wurde eine gemeinsame Arbeitsgrundlage. Das Vertrauen wuchs. Die Zusammenarbeit verbesserte sich deutlich. Auch die Unternehmensleistung entwickelte sich nachhaltig positiv. Der entscheidende Punkt war nicht, dass jede Idee übernommen wurde. Einbindung bedeutete, Menschen relevante Informationen zuzutrauen und sie an der Entwicklung sinnvoll zu beteiligen.

Vertrauen entsteht durch Klarheit und Zutrauen

Führungskräfte können in einer Veränderung nicht jede Unsicherheit auflösen. Sie können jedoch vermeiden, unnötige Unsicherheit zu produzieren. Dazu gehört, frühzeitig zu sagen, was bereits feststeht, was noch offen ist und worüber Mitarbeitende mitentscheiden können. Vertrauen leidet, wenn Beteiligung nur inszeniert wird. Wer Ideen abfragt, obwohl die Entscheidung längst gefallen ist, schafft keine Einbindung. Er schafft Enttäuschung. Ebenso problematisch ist es, kritische Fragen als Widerstand abzuwerten. Menschen dürfen wissen wollen, welche Folgen eine Veränderung für sie hat. Gute Change-Kommunikation liefert deshalb nicht nur Argumente für das Projekt. Sie hilft Mitarbeitenden, ihre eigene Zukunft in der neuen Struktur zu verstehen.

Widerstand braucht Übersetzung

Wenn Menschen pauschal schimpfen, sollten Führungskräfte nicht nur auf den Inhalt reagieren. Sie können fragen: Was genau befürchten Sie? Welche Veränderung macht Ihnen am meisten Sorgen? Welche Ihrer bisherigen Stärken möchten Sie weiterhin einbringen? Was müsste geklärt sein, damit Sie sich auf den nächsten Schritt einlassen können? Wo sehen Sie ein konkretes Risiko?

Solche Fragen verwandeln diffuse Ablehnung nicht automatisch in Zustimmung. Sie machen sie jedoch bearbeitbar. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Widerstand muss nicht beseitigt werden. Er muss verstanden, konkretisiert und in die Veränderung übersetzt werden.

Change gelingt besser, wenn Menschen ihren künftigen Beitrag erkennen

Mitarbeitende müssen nicht jede Veränderung gut finden. Sie sollten aber verstehen können, warum sie erfolgt, was sie konkret bedeutet und wo ihr eigener Beitrag liegt. Das gilt besonders dann, wenn Aufgaben, Technologien oder Verantwortlichkeiten neu geordnet werden. Wer das Zielbild nicht kennt, sieht vor allem Verlust. Wer das Zielbild kennt, kann sich mit der eigenen Rolle auseinandersetzen. Und wer sinnvoll einbezogen wird, erlebt Veränderung eher als Prozess, an dem er beteiligt ist, statt als Maßnahme, die ihm widerfährt.

In Change-Workshops und Veränderungsbegleitungen unterstütze ich Führungskräfte und Teams dabei, Zielbilder verständlich zu machen, diffuse Widerstände zu konkretisieren und Beteiligung so zu gestalten, dass daraus Orientierung und arbeitsfähige Zusammenarbeit entstehen.

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